Digitale Souveränität: Europäische Alternativen für digitale Anwendungen

Foto: iStock / NicoEINino
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Veröffentlicht am 14.03.2025

Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen Europa und den USA, wächst der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit von den marktführenden US-Unternehmen. Wir betrachten, welche europäischen Alternativen es im digitalen Bereich gibt.

Die Diskussion über digitale Souveränität in Europa gewinnt an Fahrt nach den jüngsten Ereignissen um Starlink, den diplomatischen Kurswechsel der USA und den sich abzeichnenden Konflikt in der Handelspolitik. Zugleich wurde dadurch eine Debatte befeuert, die sich unter dem Motto „Buy from EU“ gegen US-Produkte richtet. Nicht nur ein stärkeres Maß an Unabhängigkeit spricht dafür, es werden häufig auch die höheren Datenschutzmaßstäbe der EU im digitalen Bereich als Argument vorgebracht für die Nutzung europäischer Anwendungen.

Meist wenig Konkurrenz für US-Unternehmen

Doch welche Alternativen aus Europa gibt es eigentlich auf dem Markt digitaler Angebote, der weitgehend von großen US-Unternehmen dominiert wird? Eine umfangreiche Übersicht für verschiedene Anwendungsbereiche bietet die Seite european-alternatives.eu. Nur wenige Ausweichmöglichkeiten gibt es demnach bisher bei Web-Browsern, Video-Plattformen, Transaktions-E-Mail-Diensten und Microblogging-Angeboten.

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Letzteres bietet immerhin Mastodon, das vor allem als Social-Media-Plattform bekannt ist und derzeit lediglich von ca. einer Million Menschen monatlich genutzt wird. Als Alternative zu Instagram gilt zudem die französische Social-Media-App BeReal, dessen erste Hype-Phase allerdings vorbei zu sein scheint. Bei den Instant-Messengern konkurriert insbesondere Threema aus der Schweiz mit WhatsApp, Telegram und Signal – und kann immerhin kontinuierlich steigende Nutzungszahlen verzeichnen. Bei den beruflichen sozialen Netzwerken existiert Xing als ernsthafte Alternative im DACH-Raum zu LinkedIn von Microsoft.

Le Chat, DeepL, Klarna & Co

Bei den KI-Chatbots sticht bisher nur Le Chat des französischen Unternehmens Mistral AI hervor, den der französische Präsident Emmanuel Macron nach Kräften bewirbt. Mit TrustLLM ist ein großes Sprachmodell als europäische Antwort auf ChatGPT noch in der Entwicklung. Besser sieht es bei den maschinellen Übersetzern aus. Hier hat sich das bekannte DeepL etabliert und die dahinterstehende Kölner Firma zum wertvollste KI-Start-up Deutschlands gemacht. Hinzukommen aber auch Angebote aus Frankreich, Italien, Belgien und der Schweiz. Im vielsprachigen Europa sind intelligente Lösungen für Übersetzungen eine naheliegende Stärke.

PayPal aus den USA dominiert zwar den Markt der digitalen Bezahldienste, mit Klarna aus Schweden oder Unzer aus Deutschland gibt es aber auch hier mehrere Alternativen. Dänemark hält sogar drei davon bereit. Für ihre Navigation sind Nutzer:innen nicht zwingend auf Google Maps angewiesen, sondern können auch auf europäische Apps wie Organic Maps aus Estland, Magic Earth oder TomTom aus den Niederlanden zurückgreifen.

Größere Auswahl bei Email- und Clouddiensten

Besonders viele Möglichkeiten gibt es zudem bei Online-Umfrage-Anwendungen, Website-Analyse-Tools und virtuellen Servern. Auch bei E-Mail-Anbietern besteht eine größere Auswahl: So sind aus Deutschland neben den bekannten Unternehmen Web.de und GMX zum Beispiel Posteo, eclipso oder mailbox.org als Alternativen zum Marktführer Gmail von Google zu nennen. Mit Brevo existiert bei E-Mail-Marketing-Plattformen immerhin eine Alternative zu US-Anbietern wie Mailchimp, Mailerlite oder Active Campaign.

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Einer der größten Cloud-Infrastrukturanbieter Europas und ein Global Player ist das französische Unternehmen OVHCloud, das Geräte in über 40 Rechenzentren auf vier Kontinenten hostet. Aus Deutschland bieten etwa IONOS, gridscale oder STACKIT entsprechende Dienste an. Bei den Cloud-Anwendungen dominiert zwar ganz klar Google Drive, mit HiDrive von IONOS, SecureCloud und luckycloud gibt es aber auch hierzulande Alternativen. Von einer großen europäischen Cloudlösung, als die Gaia-X einst angedacht war, scheint man sich allerdings verabschiedet zu haben.

Wie diese Zusammenstellung zeigt, existieren durchaus einige Angebote, um sich bei vielen Anwendungen unabhängiger von US-Unternehmen zu machen. Trotzdem muss in diesem und weiteren Bereichen noch wesentlich mehr zur Stärkung der digitalen Souveränität Europas geschehen, wie zuletzt auch eine Bitkom-Untersuchung deutlich gemacht hat. Dazu gehören insbesondere die gezielte Weiterentwicklung digitaler Schlüsseltechnologien und kritischer Bereiche wie Mikroelektronik, IT- und Cyber-Sicherheit, Künstlicher Intelligenz oder Quantencomputing. Nicht zuletzt erhoffen sich viele eine Stärkung der europäischen Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit durch den angekündigten Digital Networks Act der EU. Er soll noch in diesem Jahr vorgelegt werden und die Rahmenbedingungen für Investitionen in die für alle digitale Anwendungen dringend notwendige Konnektivität verbessern.

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